- Eröffnungsrede des Caritaskongresses 2010
Caritaspräsident Prälat Dr.Peter Neher - Angst vor eigener Armut - Umfrage von 2008
- Soziale Manieren - Caritaskampagne 2009
- Experten fürs Leben - Kampagne für alte Menschen
- Teilhabeinitiative der Caritas
Wer ist wirklich arm?
Armut ist ein Thema, auch für Menschen, denen es gut geht. Sie wollen nicht von ihrem Niveau abstürzen. Ihre Angst bestimmt die aktuellen Debatten. Es besteht die Gefahr, dass die Situation der Menschen, die am Existenzminimum leben, vergessen wird. Davor warnt Dr. Carsten Wippermann vom Heidelberger Institut Sinus Sociovision:
Teilhabe als Herausforderung für eine gerechtere Gesellschaft
der Eröffnungsrede des Caritaskongresses.
Caritaspräsident Peter Neher eröffnete den Caritaskongress 2010 mit einer Rede über selbstbestimmte Teilhabe. Er bezeichnete
diese als eine entscheidende Bedingung und ein Leitkriterium für gesellschaftliche Inklusion. Hier lesen Sie die Rede in Auszügen:
Die selbstbestimmte Teilhabe gründet in der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes. Jeder Mensch hat das Recht auf selbstbestimmte
Teilhabe an allen Prozessen der Gesellschaft. Selbstbestimmte Teilhabe bedeutet zugleich einen Paradigmenwechsel weg vom Begriff
der "Fürsorge" hin zur Sichtweise, dass auch Menschen am Rande in erster Linie Bürgerinnen und Bürger unseres Staates und
Teil der örtlichen Gemeinschaft sind. Als solche haben sie Rechte und Pflichten. Auch eingeschränkte Möglichkeiten, wie bei
wohnungslosen Menschen, setzen diesen Status nicht außer Kraft.
Teilhabe bedeutet, Zugang zu sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten zu haben und darüber selbst
entscheiden zu können. Selbstbestimmte Teilhabe ist deshalb eine entscheidende Bedingung und ein Leitkriterium für gesellschaftliche Inklusion.
Selbst bestimmte Teilhabe erfordert Gerechtigkeit. Sie ist gleichzeitig ein Resultat von gerechten Strukturen und Institutionen.
Sie steht in einer Wechselbeziehung zur Befähigungsgerechtigkeit und schließt damit an die Grundperspektive der Befähigungsinitiative
der Caritas für benachteiligte Kinder und Jugendliche in den Jahren 2005 bis 2008 an.
Um selbst bestimmte Teilhabe zu verwirklichen, braucht es so etwas wie zivilgesellschaftliche Solidarität im Lebensumfeld
der Menschen. Aus diesen Überlegungen lassen sich fünf Grundprinzipien ableiten:
- Schutz der Menschenwürde
- Gerechte Rahmenbedingungen
- Gemeinwesenorientierung
- Ressourcenorientierung
- Berufliches und nicht-berufliches Hilfesystem
2007 haben wir auf unserer Delegiertenversammlung in Erfurt eine grundlegende Position zur Sicherung der selbstbestimmten Teilhabe, der Wahlrechte hilfebedürftiger Menschen auf dem Markt sozialer Dienstleistungen und zum hierfür erforderlichen sozialrechtlichen Rahmen verabschiedet. Ein Ziel dieser Position ist es, die Perspektive der selbstbestimmten Teilhabe in Verbindung mit Gerechtigkeit und Würde in alle Arbeitsfeldern der Caritas unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder neu zu integrieren und zu verwirklichen.
Die drei Dimensionen der Teilhabeinitiative
Unsere Initiative hat drei Dimensionen: Eine sozialpolitische, eine innerverbandliche und eine solidaritätsstiftende Dimension.
Mit unserer Initiative setzen wir uns sozialpolitisch vor allem für die selbstbestimmte Teilhabe der drei Gruppen ein, die im Fokus der dreijährigen Initiative stehen: Menschen am Rande, Menschen im Alter und Menschen mit Behinderung.
Pflegekosten nicht auf kommende Generationen verschieben
Im Blick auf die gesellschaftliche Herausforderung der Pflegebedürftigkeit engagiert sich der Deutsche Caritasverband zum Beispiel für eine nachhaltige Reform der Pflegeversicherung. Unsere Gesellschaft darf es sich nicht länger leisten, die Kosten für eine menschenwürdige Pflege kommenden Generationen zu überlassen. Mit großer Besorgnis nehme ich wahr, dass diese Fragen von der Politik derzeit nicht adäquat angegangen werden. Dies gilt auch für eine gerechte Gestaltung des Gesundheitswesens. Es gibt immer wieder Rückmeldungen aus unseren Einrichtungen und Diensten, dass sich Menschen, die von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe leben, Zuzahlungen und Medikamente nicht leisten können. Gerade ältere und chronisch kranke Menschen werden schnell zu Opfern einer schleichenden Rationierung im Gesundheitswesen. Hier sind wir als ganze Kirche gefordert, einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Zukunft der Pflege und des Gesundheitswesens mit zu initiieren.
Betreuung muss sich am Bedarf des Einzelnen orientieren
Die selbstbestimmte Teilhabe von Klienten und Mitarbeitenden ist darüber hinaus in vielen Arbeitsfeldern der Caritas ein fachliches Leitprinzip. Doch in der Praxis bedeutet sie eine tägliche Herausforderung. Richtet sich die Arbeit in einer Einrichtung eher an organisationalen Bedürfnissen aus oder am Bedarf der Klienten? So dürfen beispielsweise in Altenpflegeeinrichtungen nicht die Schichtdienstzeiten der letzte Maßstab dafür sein, wann Bewohner ihre Mahlzeiten erhalten oder die Grundpflege durchgeführt wird. Die Betreuung hat sich immer zuerst am Bedarf der Einzelnen zu orientieren und nicht vorrangig am Bedarf der Einrichtungen und Dienste.
Wie Eigenverantwortlichkeit gefördert werden kann
Letztendlich stellt sich bei der selbstbestimmten Teilhabe überhaupt die Frage, inwieweit unsere Arbeit dazu beiträgt, Menschen
zu befähigen, ein eigenverantwortliches und solidarisches Leben zu führen oder ob sie eher in die Abhängigkeit von sozialen
Diensten führt. Vor diesem Hintergrund ist es eine Herausforderung für unseren Verband, die Interessensselbstvertretung von
Betroffenen und ihren Angehörigen zu fördern. Hier stehen wir noch ziemlich am Anfang.
Und schließlich hat unsere Initiative eine solidaritätsstiftende Funktion. Besonders deutlich wurde dies in der Kampagne 2009
unter dem Motto „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“. Im Mittelpunkt standen Menschen am Rande. Dabei waren Menschen
im Blick, die aufgrund von Brüchen in der Biografie oder durch eine Häufung unterschiedlicher Probleme nicht mehr oder nur
noch eingeschränkt in der Lage sind, ein selbstbestimmtes, von Sozialleistungen unabhängiges Leben zu führen. Arbeitslosigkeit,
Suchterkrankung, Überschuldung oder psychische Probleme können immer dazu beitragen, dass Menschen in materielle Armut geraten
und am Existenzminimum leben. Soziale Isolation und Einsamkeit sind häufige Folgen, wenn familiäre oder soziale Netzwerke
wegfallen oder gar nicht erst aufgebaut werden können. Daran hat die Kampagne erinnert und dazu beigetragen, das Bewusstsein
für die Würde dieser Menschen in Gesellschaft und Politik zu schärfen.
Armut verfestigt sich
In den vergangenen Jahren ist zu beobachten, dass sich Armut verfestigt. Es ist zunehmend schwieriger geworden, sich aus materieller
Armut oder sozialer Isolation zu befreien. Eine Adresse in einem bestimmten Stadtteil oder die Altersangabe auf dem Bewerbungsbogen
können genügen, um festgeschrieben zu werden.
Im Frühjahr 2008 hat die Caritas das Heidelberger Institut Sinus Sociovision mit der Untersuchung beauftragt, wie die deutsche
Gesellschaft „Menschen am Rande“ sieht. Gefragt wurde nach den Notlagen: Materielle Armut bzw. Leben am Existenzminimum, Abhängigkeit
von Suchtmitteln, soziale Isolierung, Vereinsamung und Obdachlosigkeit. 87 Prozent der Befragten gaben an, keinen armen Menschen
im Freundes- oder Familienkreis zu haben. Nur vier Prozent haben Kontakte zu wohnungslosen Menschen. Gleichzeitig können sich
aber 37 Prozent vorstellen, eines Tages selbst in eine soziale Notlage zu kommen, zu den Armen zu gehören.
Mehr Sensibilität für Menschen am Rande
Diese Diskrepanz zwischen bestehenden Kontakten zu Menschen, die am Existenzminimum leben und der Furcht, selbst einmal zu denen zu gehören, die aus einem Leben mit Arbeit, Wohnung und Familie fallen könnten, ist bemerkenswert. Sie kann dazu führen, dass die Spaltung zwischen den Bürgern, die eine gesicherte Existenz haben und denen, die „am Rande“ leben, größer wird und sich weiter verfestigt. Neben der materiellen Grundsicherung und einer solidarischen und gerechten Sozialpolitik brauchen wir in dieser Gesellschaft die Aufmerksamkeit für die Situation des anderen und einen sensiblen Blick im Umgang miteinander. Dazu hat die Kampagne „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“ eingeladen und aufgefordert.
Perspektivwechsel: Alte Menschen sind Experten
Unsere Initiative will zu einem Perspektivwechsel einladen. Ganz prägnant bringt das die diesjährige Kampagne auf den Punkt. Menschen im Alter sind hier Experten fürs Leben. Ein zentrales Ziel der Caritas-Kampagne ist es daher, die Stärken der älteren Generation in den Vordergrund zu stellen. Ältere Menschen sind Experten für vielfältige Lebenssituationen, einschließlich kritischer Lebensereignisse, die sie gemeistert haben. Ihr Erfahrungsreichtum ist ein Schatz für die Gemeinschaft. Im Gegensatz zu defizitorientierten Altersbildern sollte das Augenmerk viel stärker auf den Potenzialen liegen, die ältere Menschen haben. Ein positiver Blick auf das Alter soll freilich nicht davon ablenken, dass das Leben im Alter auch mit dem Verlust von Autonomie, mit der Abnahme von Mobilität und einer Abhängigkeit von Hilfe durch andere verbunden sein kann. Die Kampagne legt den Akzent darauf, dass die unterschiedlichen Generationen die Stärken voneinander wahrnehmen und Interesse finden, den Blick für einander zu verändern. Das ist ein wichtiger Schritt zu einer generationsübergreifenden Solidarität.